Die Raubdruckerin macht die Straße zur Druckform.

Kreative Menschen, welche Alltagsgegenstände nutzen, um daraus Kunst zu schaffen, finde ich immer gut. Wenn ich dann noch einen Bezug zum Druck & / oder zum Papier erkenne, bin ich hin & weg. So war es auch, als ich auf Emma-France (aka die Raubdruckerin) aufmerksam wurde. Die in Berlin lebende Künstlerin ist ständig unterwegs, um die urbanen Strukturen europäischer Metropolen als Druckform zu nutzen.

Sie verwendet beispielsweise Gullydeckel oder Bahngleise, um damit Textilien zu bedrucken. Dabei ist jeder Druck ein Unikat. Eine perfekte Reproduktion, wie wir sie aus der Druckbranche kennen, ist hier nicht möglich. Und auch nicht gewünscht!

Die Raubdruckerin macht im besten Sinne des Wortes echte Straßenkunst.

Ich wollte wissen, was genau hinter diesem tollen Projekt steht, wo die Herausforderungen in Ihrer Arbeit liegen & ob Emma-France uns mit Ihren Werken etwas sagen möchte. Herausgekommen ist dieses Interview. Viel Spaß damit!


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Im Interview mit der

Raubdruckerin Logo

Liebe Emma-France, du bist auch als Raubdruckerin bekannt. Du nutzt Strukturen der urbanen Architektur & bedruckst mit ebendiesen Elementen Textilien, wie Hoodies & Taschen. Eine geniale & einfache Drucktechnik, die wirklich zu schönen Ergebnissen führt. Zum Einstieg in unser Interview erzähle uns doch bitte etwa von dir.

Ich bin in Südfrankreich geboren, aber in Berlin & Portugal aufgewachsen. Zur Zeit wohne ich in Berlin. Ich habe in Porto Textildesign studiert & danach in Paris für etablierte Trend- & Modeunternehmen gearbeitet. Nebenbei habe ich auch eigenen Projekte entwickelt, wie Raubdruckerin zum Beispiel.

Die Raubdruckerin Emma-France vor einer städtischen Druckform in Barcelona.

emmaFoto von Orpheas Tziagidis

Wie bist du auf diese Idee gekommen & seit wann bist du als Raubdruckerin unterwegs?

Die Idee habe ich 2006 zusammen mit meinem Vater entwickelt. Zu der Zeit habe ich noch in Porto studiert & hatte wenig Geld, deshalb war die Idee so großartig. Es war möglich, zwar mit viel Aufwand, aber wenig Equipment spannende Drucke in kleinen Serien zu kreieren. Die Idee lag mir quasi zu Füßen & ich konnte einfach loslegen & experimentieren.
„Ich hatte wenig Geld, deshalb war die Idee so großartig“.

Diese ersten Raubdrucke von Kanaldeckeln habe ich im selben Jahr unter dem Namen „Estampatampa“ auf dem „Festival Musicas do Mundo“ 2006 in Sines, Portugal präsentiert.
Nach einem aber doch eher mäßigen Erfolg dieser ersten Präsentation, habe ich das Projekt erst einmal auf Eis gelegt & bin nach Paris.
Zwei Jahre später zog ich nach Berlin & habe dann richtig angefangen zu „raubdrucken“. Der inspirierende Reichtum an städtischen Strukturen & die kreative Energie der Stadt haben meine Projektidee wieder beflügelt.

raubdruckerin_amsterdam

 Foto von Orpheas Tziagidis

Ich kann mir gut vorstellen, dass es auf einige Passanten komisch wirkt, wenn du dich am Stadtbild bedienst & rechtlich bewegst du dich vermutlich in einer Grauzone. Kommt es bei deiner Arbeit gelegentlich zu brenzligen Situationen? Wie reagieren die Menschen, die dich bei deiner Arbeit beobachten?

Eigentlich sind uns Passanten meistens wohlgesonnen. Sie finden es spannend, was wir da unten auf dem Boden machen. Sie fragen, staunen & machen Fotos. Manche erzählen ihre Geschichten, wünschen sich, dass wir in Ihre Lieblingsorte fahren oder haben Ideen für neue Druckorte.
Die meisten Passanten sind der Raubdruckerin wohlgesonnen.

Aber ja, wie oft bei „Straßenkünstlern“ kam es schon vor, dass Polizisten*innen uns verwarnt haben, einfach weil sie nicht verstanden haben, dass unsere Kunst nichts mit Verschmutzung, Zerstörung oder Illegalem Handeln zu tun hat. In den gleichen Städten gab es aber genauso Polizisten, die uns einfach nur einen schönen Tag gewünscht haben oder sogar sehr interessant fanden, was wir machen.

raubdruckerin_in_athen

 Foto von Orpheas Tziagidis

Wenn wir drucken, verlassen wir den den Ort sauberer, als wir ihn vorgefunden haben. Das ist sehr wichtig für uns. Unsere Farbe ist umweltfreundlich & wasserbasiert.

Mit den Berliner Wasserbetrieben haben wir eine Vereinbarung, deren Kanaldeckel für unsere Drucke zu verwenden. Sie freuen sich im Kontext eines kreativen Projektes repräsentiert zu sein & wir uns über die Zusammenarbeit mit einer Berliner Institution. Synergien solcher Art finden wir gut.
Wir bedienen uns zwar am Stadtbild, es ist aber gleichzeitig eine Art von Wertschätzung & Hommage an die jeweiligen Objekte.

Die Berliner Wasserbetriebe freuen sich über die Werke, welche die Raubdruckerin mit den Kanaldeckeln schafft.

Die städtischen Texturen, mit denen wir arbeiten, werden trotz großem gestalterischen Potential nur selten beachtet. Durch unser Projekt bekommen sie neue Aufmerksamkeit & eine zusätzliche Funktion. Auch werden so neue Momente des Zusammentreffens generiert & oft bekommen Leute auch spontan ihr T-Shirt bedruckt.
Inspiriert von unseren Drucken haben die Dresdner Wasserbetriebe sich sogar einen neuen Kanaldeckel (im Berliner Stil) herstellen lassen.

Des Weiteren finden wir es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass der öffentliche Raum von uns Stadtbewohner viel mehr angeeignet werden sollte.

„Wir benutzen den Stadtraum als unsere Freiluft-Druckwerkstatt & Bühne“.

Ist es nicht angenehmer im öffentlichen Raum mit Kunst & Handwerk konfrontiert zu werden als mit penetranter Werbung?

Foto von Orpheas Tziagidis

Als Raubdruckerin bist du in vielen Großstädten unterwegs, um deine Streetart umzusetzen. In welchen Städten warst du bisher & auf den Straßen welcher Stadt findest du die spannendsten Motive?

Wir sind viel unterwegs, Reisen ist Teil des Konzepts. Bislang waren wir in Paris, Madrid, Barcelona, Athen, Thessaloniki, Rom, Napoli, Catania, Budapest, Wien, Lissabon, Porto, Brüssel, Amsterdam, Stavanger (Norwegen, Kopenhagen, u.a. Es gibt so viele unerwartet gute Motive, die unbeachtet ihr Dasein fristen, bis wir kommen & ihnen ein neues & anderes Leben schenken.
„Reisen ist Teil des Konzepts“.

raubdruckerin_in_barcelona

 Foto von Orpheas Tziagidis

Bereitest du „deine“ Druckformen speziell vor? Mit welchen Farben arbeitest du, wie läuft der Druckprozess ab & werden die Textilien nach dem Druck behandelt, um sie z.B. waschfest zu machen?

Die Kanaldeckel werden vor dem Druckprozess gereinigt.
Unsere Farbe mischen wir selber. Es ist eine wasserbasierte Textilfarbe, die so angerührt wird, dass sie den jeweiligen Wetter- & Materialanforderungen entspricht & langlebig auf den Baumwollfasern haftet.

raubdruckerin_street_printing_lisboa

 Foto von Orpheas Tziagidis

Welche Voraussetzungen muss eine urbane Struktur mitbringen, um sie als Druckplatte verwenden zu können? Eignet sich alles was auf den Straßen zu finden ist, für einen Raubdruck? Welche Elemente verwendest du besonders gerne für deine Drucke?

Am besten sind solche geeignet, die erhabene Elemente, Reliefs beinhalten. Klassisches Hochdruckverfahren eigentlich. Wir haben auch schon die alten Straßenbahngleise in Porto gedruckt.
Raubdruckerin in Berlin

 Foto von Orpheas Tziagidis

Wie gehst du bei der Motivauswahl vor? Ich stelle mir vor, dass du mit Blick nach unten durch die Städte dieser Welt läufst & die Straßen nach spannenden Motiven scannst. Liege ich da richtig?

Es ist eine Mischung aus vorbereitender Recherche & ausgedehnten Suchen an dem jeweiligen Ort selbst. Manchmal sind es stundenlange Stadtspaziergänge, manchmal systematische Straßenerkundung auf dem Fahrrad.
Hier siehst du einen kleinen Beitrag vom ZDF über die Raubdruckerin.

Welche Produkte bedruckst du? Beschränkst du dich hier nur auf Textilien?

Im Grunde schon. Wir haben auch auf Papier gedruckt, aber Textilposter haben sich als praktischer & robuster bewährt. Man kann sie falten, glattbügeln & auch waschen. Papier ist sehr empfindlich. Wenn einmal ein Knick reinkommt, bekommt man den nicht so schnell wider raus.
Wir bedrucken im Moment ausschließlich Baumwollmaterialien.
Für eine Ausstellung im schwedischen Bromölla bedrucken wir zur Zeit auch großformatige Textilplanen.

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 Foto von Orpheas Tziagidis

Achtest du bei der Textilauswahl auf eine bestimmte Qualität? Wie sieht es hier mit Fairtrade & Öko-Textilien aus?

Ja, hochwertige, fair gehandelte & nachhaltige Materialien zu verwenden sind Grundsätze unseres Konzeptes.
Wir legen Wert darauf, das die Hersteller unserer Rohlinge die bestmöglichen Zertifikate hinsichtlich fairen & umweltfreundlichen Produktionsbedingungen haben.
Bei unseren Workshops fordern wir die Teilnehmer auf, ihren alten Anziehsachen neu zu gestalten & beziehen unsere Materialien von lokalen Second-Hand-Läden. Das ist umweltfreundlich, ressourcenschonend & erzeugt die gewünschten Synergie Effekte.

Die Idee des Projekts ist es, kritisch gegenüber heutiger Massenproduktion zu sein. Große profit-gelenkte Textilkonzerne lehnen wir grundsätzlich ab.

In unseren Workshops & auch in den Gesprächen beim Drucken in den Straßen, versuchen wir Bewusstsein für die Missverhältnisse in der Mode- & Textilindustrie zu vermitteln.

Emma -France möchte mit Ihrem Projekt auch auf die Missverhältnisse in der Mode- & Textilbranche hinweisen.

Kannst du eigentlich noch durch die Straßen ziehen, ohne ständig deinen Blick nach unten zu richten, auf der Suche nach neuen Motiven?

Ich lasse mich gern auch von anderen schönen Dingen & Menschen inspirieren.
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 Foto von Orpheas Tziagidis

Was planst du für die Zukunft & hast du weitere Projekte in der Pipeline? Bietest du auch Workshops an, in denen ich lernen kann, wie ich Raubdrucke anfertige?

Raubdruckerin hat viele Ideen für die Zukunft, es gibt noch so viele spannende Städte & Strukturen zu entdecken, unbemerkte Teile der Stadt, voller Geschichte, Vielfalt & Kreativität.
Wir würden gerne in der Zukunft eine Amerika-Tour & – vorauf wir uns ganz besonders freuen – eine Japan Tour veranstalten.
„Die Kanaldeckel aus Japan sind wahre Kunstwerke“.

Geplant ist auch ein Buch, Ausstellungen, Vorträge, Videos & Workshops, in denen wir gemeinsam Druckideen verwirklichen & natürlich jede Menge Spaß & Druckmomente haben werden. Updates zu kommenden Events gibt es auf unserer Webseite & Social-Media-Kanälen.

 

Über Emma-France als Raubdruckerin

Raubdruckerin ist ein experimentelles Druck-Grafik Projekt, das Oberflächen der urbanen Landschaft wie Kanaldeckel, Gitterroste & andere technische Gegenstände benutzt, um einzigartige Muster auf Streetwear & Textilien zu kreieren: Spuren der Stadt. Jedes Stück wird von Hand abgedruckt, meist direkt am Ort der entdeckten Struktur. Das Produzieren im öffentlichen Raum & Arbeiten in diversen europäischen Metropolen sind wesentliche Bestandteile des Projektes.

Hier findest du die Raubdruckerin im Internet


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